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Bilderfluten

Social Media, Nachrichten, Werbung, Filme in Kino oder TV: Wahre Bilderfluten stürzen auf uns ein – können wir sie überhaupt noch verarbeiten? Hinzu kommen all die Bilder, die wir ohne Unterlass selbst bei einem Spaziergang im Wald oder am Strand mit unseren Augen von unserer Lebenswelt aufnehmen und im Kopf verarbeiten. Und als wäre das nicht genug, erzeugen wir sogar im Schlaf noch Bilder.

Digitale Bilderfluten

5,3 Milliarden Fotos machen die Bewohner der Erde täglich, überwiegend mit Smartphones. Das sind 61.4000 Aufnahmen pro Sekunde und 2,1 Billionen aufs Jahr Und was fotografiert man so? 15.000mal soll allein die Mona Lisa geknipst werden – pro Tag. Am meisten aber fotografiert man wohl Freunde, Familie, Haustiere, Essen und Urlaubsorte. Nicht zu vergessen zahllose Selfies.

Und warum fotografiert man all das? Weil man anderen zeigen möchte, was man gerade macht, wo man gerade ist, was man gerade neu hat. Die so erzeugte Bilderflut kostet nicht nur Speicherplatz und Strom, sondern müllt auch die Gehirne derjenigen zu, die sich diese Fotos anschauen.

Bilder aus der Lebenswelt

Die digitalen Bilder kann man zwar ignorieren, doch den meisten fällt das ungeheuer schwer. Bilddateien können süchtig machen. Das Anschauen raubt Zeit und Energie. Man wäre gut beraten, wenn man sich wenigstens einen Großteil der digitalen Bilder nicht anschauen würde.

Was sich aber nicht ignorieren lässt, sind unsere Wahrnehmungen. Jede Wahrnehmung erzeugt ein Bild, das Gehirn muss es verarbeiten. Wahrgenommen wird alles. Selbst im Dunkeln, im Nebel oder bei Blindheit – können unsere Augen nichts sehen, so hören, riechen oder fühlen wir und übersetzen das so Wahrgenommene wiederum in ein Bild.

Was passiert mit all den Bildern? Sowohl das Gros der digitalen Bildfluten als auch der überwiegende Teil der Wahrnehmungen verschwindet aus unserem Bewusstsein, sobald das Gesehene aufhört, wichtig zu sein. Aber wohin verschwindet es? Löst es sich in Nichts auf? Oder sackt es in unser Unterbewusstsein ab? Das Unterbewusstsein steuert bis zu 95% unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Es speichert Erinnerungen an Gesehenes und Erlebtes, Überzeugungen, Gewohnheiten und Gefühltes. Das Unterbewusstsein beeinflusst unsere Entscheidungen. Außerdem formt es unsere Träume. Manches aus den tagsüber aufgenommenen Bilderfluten taucht nachts wieder auf.

Traumbilder

Es gibt keine abstrakten Träume. Träume sind immer bildhaft. Traumbilder setzen sich zusammen aus den unzähligen Eindrücken, die wir bei Tage aufgenommen haben. Sie verbinden sich zu etwas Neuem, oft mit einer irrationalen, mitunter auch beängstigenden Note. Im Traum sind Dinge möglich, die bei Tag niemals möglich wären.

Im Traum tauchen nun nicht nur Bilder auf, die wir in unserer Lebenswelt mehr oder weniger unbewusst aufgenommen haben. Sondern auch Bilder und Videoschnipsel aus den digitalen Bilderfluten. Dort ist vieles, was gar nichts mit uns zu tun hat, was uns nicht betrifft. Und trotzdem beschäftigt es uns auch nachts. Nun stellt sich die interessante Frage, ob die digitalen Bilderfluten unsere Träume verseuchen – oder ob man sie nicht auch als Katalysatoren betrachten könnten, die unseren Träumen eine ganz andere Richtung und Tiefe geben?

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de