Raben sind Aasfresser. Sie hielten sich, als das öffentliche Hängen noch in…

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Unternehmer. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens mit rund 500 Mitarbeitern. Seine Klage galt zunächst den allgemeinen Zuständen im Land, dann aber speziell dem Verfall der Sprache. Er machte diesen Verfall an drei Indikatoren fest.
Bildung
Erster Indikator: der Bildungsverfall und damit einhergehend der Verfall der Denkfähigkeit vor allem unter den jüngeren Mitarbeitern unter 30 (er genderte nicht, meinte aber Männer und Frauen) und ohne jeglichen Migrationshintergrund. Die Leute ließen sich von seichten Unterhaltungsangeboten (Netflix, Social Media etc) absorbieren, vermieden jede Anstrengung im Denken und seien sprachlich oft auf dem Entwicklungsstand eines minderbegabten vorpubertären Kindes.
Der Befund im Einzelnen: Geringer Wortschatz, fehlerhafte Grammatik und Rechtschreibung, die Unfähigkeit, längere Texte sinnentnehmend zu lesen und daraus resultierend die Unfähigkeit, komplexere Sachverhalte zu verstehen und angemessen zu vermitteln. Auffällig sei die Neigung, Versatzstücke offizieller Narrative in ihre Äußerungen einzubauen. Er bezeichnete das als Intelligenzsurrogat – man möchte mitreden, ohne irgendwo anzuecken, verbleibe deshalb im Common Sense und verhindere damit jeden neuen Gedanken. Natürlich gäbe es Ausnahmen. Ohne diese Ausnahmen – also ohne wenigstens ein paar aufgeweckte, kritikfähige Geister unter den Jüngeren – würde gar nichts mehr gehen.
Unintelligente KI-Nutzung
Zweiter Indikator, unmittelbar mit dem ersten verknüpft: Die Leute nutzten zunehmend KI, um sich möglichst kurze und leicht verständliche Zusammenfassungen von allem geben zu lassen. Dass dabei Tiefe und Breite verloren gingen, würden sie noch nicht einmal erkennen. Sie nähmen diese Auskünfte völlig unkritisch hin, würden der KI absolut vertrauen.
Zunehmend würden die Mitarbeiter (auch die älteren) Aufgabenstellungen an eine KI delegieren. Da käme mitunter zwar erstaunlich Brauchbares heraus, zumindest in der groben Ausrichtung. Dabei würden die Leute aber verlernen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Das ließe sie in Diskussionen oft hilflos erscheinen. Man stecke dann wie in einem Sumpf fest und es werde dann nicht selten unangenehm: Die Mitarbeiter bemerkten ihre Hilflosigkeit, ärgerten sich, manche würden dann aggressiv und laut und würfen mit Behauptungen um sich, die durch nichts belegt seien.
Migrationsprobleme
Dritter Indikator seien die meist unterdurchschnittlichen Fähigkeiten der Zugewanderten unter den Mitarbeitern (etwa 10 % der Belegschaft, Tendenz steigend). Hier gäbe es ein deutliches Gefälle. Mitarbeiter aus Osteuropa (vor allem dem zentralen und dem nördlichen) sowie aus Ostasien seien überdurchschnittlich lernwillig und -fähig und sprachlich deutlich besser aufgestellt als jene aus dem orientalischen und afrikanischen Raum, nicht selten besser auch als die ohne jeglichen Migrationshintergrund. Natürlich gäbe es auch hier keine starren Festlegungen nach Herkunft und Ländergrenzen, wohl aber Tendenzen.
Aus der Lernbereitschaft und dem Sinn für die Wichtigkeit von Sprache resultierten ein gesteigertes Engagement, ein verschärftes Fehlerbewusstsein und eine höhere Innovationsbereitschaft. Außerdem ein besserer sozialer Umgang. Das Smartphone werde nicht als Unterhaltungsmedium begriffen, sondern als Arbeitsgerät. Die KI gelte nicht als allwissender Schummelzettel, sondern als eine Möglichkeit, Prozesse voranzutreiben.
Abhilfe
Der Unternehmer fragte mich dann, ob ich Abhilfe wüsste. Er kannte sowohl Wort und Bogen als auch Besser mit Kunst, wusste also, dass ich Unternehmen wie dem seinen eventuell ein passendes Angebot machen kann.
Wir verständigten uns kurz darüber, dass Corporate-Language-Konzepte (also ein von oben verordnetes Sprachkorsett) die Probleme kaum würde lösen können. Wie es mit Schulungen im Sprechen und Denken (teamweise und in Einzelberatung) wäre? Die wären natürlich zeitaufwändig und kostenintensiv und würden das durch Elternhaus, Schule und Hochschule Versäumte allenfalls flicken, aber nicht grundsätzlich ausgleichen können – es sei denn, man würde den Ehrgeiz der Mitarbeiter entfesseln und den Erwerb dieser Kenntnisse zu einem begehrten Gut machen. Dazu müsste man bei den Mitarbeitern die Einsicht wecken, dass sie in einem Wettbewerb auf Leben und Tod stehen (sie also unternehmerisch zu denken hätten). Denn wer freiwillig Kompetenzen an eine KI abgäbe, gäbe eher früher als später (und dann unfreiwillig) auch seinen Arbeitsplatz an eine KI ab.
Wir bleiben im Gespräch.
Foto: Lutz Meyer